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Ausflug ins Ungewisse
Wir hatten es schon einmal probiert und waren gescheitert – am Wetter, am Schlamm, an einer fehlenden Seilwinde. Diesmal musste es besser klappen. Seit Monaten herrschte Trockenheit im Chaco. Unser Ziel: Eine Gemeinschaft von Indianerfamilien aus dem Stamm der Espinillos. Pia und Ute vom Restaurant “Petit Reina” hatten diese Gemeinschaft durch Zufall auf einer früheren Chaco-Reise entdeckt und waren so entsetzt über die Lebensbedingungen dort, dass sie beschlossen, mit Lebensmitteln und Kleidung wiederzukommen, denn es fehlt dort an allem. Einmal hatten sie es schon geschafft, beim zweiten Mal im Mai dieses Jahres wurde ein zweites Auto gebraucht. Aus Neugier und aus Freundschaft fuhren wir deshalb mit. Leider mussten wir aber kurz vor dem Ziel wieder umkehren, weil der Weg unpassierbar wurde, trotz Allrad-Auto und Abschleppseil. Wir haben es gebraucht, um eines der Autos rückwärts aus dem Schlamm zu ziehen. Lebensmittel wurden anderweitig verteilt, warme Kleidung für den nächsten Winter verpackt.

Im September war es dann Zeit für einen neuen Versuch. Von Regenfällen im Chaco hatten wir seit Monaten nichts gehört. Unsere einzige Sorge war, dass Flächen- und Grasbrände uns behindern könnten. Aber das Risiko war gering. Also wurden am Abend die beiden Allrad-Autos vollgepackt, die wir zur Verfügung hatten – ein eigenes und das andere kostenlos zur Verfügung gestellt von Peggy und Jörg, den Inhabern der Autovermietung CarConcept in Asunción. Und nach einer kurzen Nacht starten wir morgens um kurz nach fünf von den Cabañas in Caacupé aus. Zwei Freundinnen aus der Schweiz, die hier Urlaub machen und Kleidung und Spielsachen für die Indianer im Flugzeug mitgeschleppt haben, begleiten uns.


Als wir endlich die Brücke über den Rio Paraguay hinter uns haben und die Ruta vor uns liegt, können wir den beiden Schweizerinnen ein wenig über die Lebensbedingungen der Espinillo-Familien erzählen, die uns Pia und Ute geschildert hatten. Sie leben auf einer riesigen Estancia in der Nähe von Pozo Colorado, sind dort aber nur geduldet und erhalten keinerlei Unterstützung. Tierhaltung und der Anbau irgendwelcher Lebensmittel ist ihnen verboten. Sie leben von Zuckerrohr, der dort wild wächst, von der Jagd auf Kleintiere und von dem, was die Männer des Stammes durch Arbeit auf den umliegenden Estancias bekommen. Das einzige Steingebäude ist die Schule, die irgendwann einmal von der EU aufgestellt wurde. Es gibt einen Stammesführer, einen Medizinmann und einen Lehrer. Die Kinder lernen Spanisch, Guaraní und ihre eigene Sprache, sie haben aber weder Papier noch Stifte, so dass sie sich behelfen müssen, indem sie mit kleinen Ästchen in den Sand schreiben. Die Kälte im Winter setzt ihnen sehr zu. Besonders die Kinder werden schnell krank und leiden unter abgefrorenen Zehen und Bronchitis.
Längs der Ruta sehen wir abgebrannte Grasflächen und verkohlte Baumstämme zu beiden Seiten, zwischendrin smaragdgrüne Flecken, wo das frische Gras schon wieder gewachsen war, grasende Herden mit mageren Rindern rechts und links der Straße, vereinzelte Dörfer mit Holzhäusern, die Wäsche malerisch auf den Zäunen zum Trocknen ausgelegt, und ab und zu ein Indianer-Zeltlager aus Stöcken und zerfetzten Plastikplanen. Diese Menschen brauchten sicherlich auch Lebensmittel und Kleidung, aber sie leben so nah an der Ruta, dass sie die Möglichkeit hätten, alles zu Geld zu machen, um davon Alkohol zu kaufen. Das ist nicht unser Ziel.

Nach einem Frühstücks-Picknick biegen wir in Pozo Colorado rechts ab und erreichen nach etlichen Kilometern die Einfahrt zur Estancia. Farmarbeiter und Gauchos auf ihren Pferden halten dort gerade einen kleinen Plausch. Wir fragen nach dem Weg, und sie bestätigen uns freundlich, dass er gut zu befahren sei. Die Landschaft wirkt ganz anders als im Mai. Da wo vorher rechts und links der Erdstraße das Wasser stand und von Wasserlilien und Algen bedeckt war, sieht man jetzt nur die nackte, vor Trockenheit rissige Erde. Die Straße war instand gesetzt worden, so dass wir problemlos passieren können, nachdem wir alle paar hundert Meter ein einfaches Tor aus Holzlatten und Draht öffnen und wieder schließen mussten. Den Bogen haben wir bald heraus. Schlimmer ist der helle Staub, den die Reifen aufwirbeln. Obwohl der Abstand zwischen unseren beiden Wagen schon beträchtlich ist, müssen wir doch immer wieder anhalten, um die vor uns aufgewirbelte Staubwolke vorbeiziehen zu lassen, damit wir den Weg erkennen können. Wir erkennen die Stelle wieder, an der wir im Mai umkehren mussten, jetzt pulvertrocken. Ab da ist alles neu für uns. Ein Wäldchen muss durchfahren werden, und plötzlich passieren wir ein Indianerdorf, aus dem uns Kinder zuwinken. Nicht unser Dorf, es wird regelmäßig unterstützt – es geht noch einige Kilometer weiter.

Aber dann sind wir da – ein großer freier Platz tut sich vor uns auf, ein kleines Steinhaus ist zu sehen – die Schule. Dort haben sich ein paar Leute eingefunden. Wie wir später erfahren, ist gerade ein Schultest im Gange. Schnell spricht sich herum, dass Besuch da ist, der Stammesführer kommt uns entgegen und erkennt sofort Pia und Ute, die er freudestrahlend begrüßt. Immer mehr Menschen umringen uns, die Großen zurückhaltend und vorsichtig, teils mit Kleinkindern auf dem Arm, die Kinder strahlend und zutraulich. Endlich ist die Schule aus, dort sollen die mitgebrachten Sachen gelagert werden. Der Lehrer begrüßt uns und nimmt gleich die Organisation in die Hand. Die größeren Jungen stellen sich in einer Reihe auf, um die Autos auszuladen. Säcke mit Lebensmitteln, große Tüten mit Brötchen und Keksen, Körbe voll Mandarinen, Kartons mit Kleidung, ein Riesenstapel Schulhefte, Bleistifte, Buntstifte und Zubehör verschwinden in der Schule und werden dort aufgestapelt, um hinterher in Ruhe und gerecht auf die einzelnen Familien aufgeteilt zu werden. Die mitgebrachte Frisbee-Scheibe nimmt gleich der Lehrer in Verwahrung, um einem Streit vorzubeugen, aber keine Gefahr. Nach kurzer Einführung in die Art des Spiels und praktischer Vorführung durch uns, ist schnell die Verbindung zu den Kindern hergestellt, und es dauert nicht lange, da spielen etliche erst mit uns und dann miteinander. Kleine Tennisbälle werden zum Volleyball, der Drahtzaun vor der Schule zum Netz, die Frisbee-Scheibe geht hin und her, es ist eine Freude zuzusehen.



Die Kinder waren beschäftigt, wir können uns also Gesprächen zuwenden. Der Lehrer berichtet, dass inzwischen 54 Familien hier leben, ca. 300 Menschen. 80 Kinder gehen zur Schule, aber die Bedingungen sind schwierig. Der Winter ist immer hart. Alle leiden unter Erfrierungen, und von 3 Babys sterben 2. Der Medizinmann erzählt uns, dass er einmal 8 Monate in Asunción Pharmazie studiert habe, es gäbe aber nichts, was er tun könne, weil weder Medikamente noch Verbandszeug vorhanden sind. Es gibt einen Brunnen für das ganze Dorf, mit einer Handkurbel wird das Wasser heraufbefördert. Die Kirche des Dorfes steht dicht neben der Schule. Der Lehrer schließ sie für uns auf. Sie ist aus Holzbrettern zusammengefügt, genau wie die niedrigen Bänke. Der Altar besteht aus einem großen Holzklotz, darauf eine Decke und eine Trommel, mit der der Gottesdienst begleitet wird. Über dem Alter an der Wand ein Bild von Christus mit der Dornenkrone, die Wand hinter dem Altar bedeckt ein weißes Tuch. Ab und zu kommt ein Priester her und hält die Messe. Die Lampen in dieser Kirche bestehen aus kleinen Glasflaschen, die an einem Draht von der Decke hängen, gefüllt mit Öl und mit einem Stofffetzen zugestopft, der bei Bedarf angezündet werden kann.
 
Auf unsere Frage an den Stammesführer, ob es irgendetwas gibt, was die Bewohner herstellen, holt jemand selbstgehäkelte Mützen und Taschen verschiedener Größe herbei. Ein Mädchen bringt uns eine Kette aus kleinen Glasperlen mit einem Krokodil als Anhänger in bunten Farben. Für uns ein weiterer Ansatzpunkt für unseren nächsten Besuch.
Nach gut einer Stunde verabschieden wir uns von den Espinillos, nicht ohne ein Wiederkommen zu versprechen, dann unter anderem mit Medikamenten, Perlen, Wolle und großen Bällen zum Fußball- und Volleyballspielen.

Auf der Rückfahrt stellen wir uns vor, wieviel Freude dort jetzt beim Verteilen der verschiedenen Sachen herrscht, und wir haben alle das Gefühl, dass der Spruch wahr ist, der früher in jedes anständige Poesiealbum gehörte, nämlich dass die Freude, die man gibt, ins eigene Herz zurückkommt.
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